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AKTUELLES


10. November 2017, Basler Zeitung

Zunehmend männerblind

Junge alleinerziehende Mütter leben überwiegend von Sozialhilfe. Das ist nur die halbe Wahrheit

"Die Zahl der Sozialhilfefälle in der Schweiz ist markant angestiegen. Das hat soeben der "Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe in Schweizer Städten" ergeben - am deutlichsten in Biel, Lausanne und Basel. ... Hauptbetroffene sind laut SRF junge alleinerziehende Frauen. Da das SRF das so sehen will, verstärkte die "Tagesschau" ihre Botschaft in der Sendung um einen weiteren Beitrag, in dem eine Mutter aus Basel ihre Probleme darstellte. ... Die Studie - verantwortet von der Fachhochschule Bern - zeichnet allerdings eine andere Realität. Ihr zufolge gibt es die meisten Sozialhilfefälle bei Männern zwischen 36 und 55 Jahren..."

Lesen Sie den kompletten Artikel aus der Basler Zeitung hier »

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18. September 2017

Explosion der Gewalt

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert, gewisse Stadtviertel sind heute no-go-areas, die Menschen bewaffnen sich. Wie sich unser Alltag verändert und warum.

Ich-gesteuert statt «innen-geleitet»: Auch in der Schweiz ist eine zunehmende Verrohung im täglichen Miteinander festzustellen. Diese Veränderung ist nicht einfach vom Himmel gefallen.

Bei einer Schlägerei vor der Basler Bar «Soho» ist ein Mann verletzt worden. Ein Taxifahrer ist – ebenfalls in Basel – Opfer eines Raubüberfalls geworden. Der unbekannte Täter verletzte den Chauffeur am Kopf und machte sich mit dem gestohlenen Taxi aus dem Staub. Im Luzernischen tötet ein Mann auf offener Strasse seine Ehefrau, weil er sie – fälschlicherweise – des Ehebruchs verdächtigte.

Brutaler Raubüberfall in der Stadt Zug: Zwei Männer haben einem Mann Geld abgenommen und ihm mit einem Messer den Mundwinkel aufgeschnitten. Zwei Tessiner sind in Bironico von einer Gruppe Männer mit Baseballschlägern attackiert worden. Beide wurden dabei verletzt. Fünf gegen einen: Ein 47-Jähriger wird in Basel angegriffen und verletzt. Er musste ins Spital eingeliefert werden. Nach einem Streit in der Steinentorstrasse wurde ein 27-Jähriger von drei Männern zu Boden geschlagen und mit Fusstritten verletzt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Das Opfer musste in der Notfallstation behandelt werden. In der Filiale Spiegelgasse der Basler Kantonalbank (BKB) berauben zwei Männer eine Frau – am helllichten Tage.

Das sind einige Schlagzeilen der letzten Zeit. Was hinter ihnen steckt, konturiert inzwischen unseren Alltag. Hinzu kommt, was sich gar nicht mehr in den Medien findet: die täglichen Einbrüche, Schlägereien, Messerstechereien, Anpöbelungen oder körperlichen Übergriffe. Summiert ergibt das die strukturelle Veränderung von Alltäglichkeiten. Am Beispiel: Der Baselbieter Busfahrer Oliver Wyss beklagt die Degeneration seines einstigen Traumberufs: «Die Ausraster der Passagiere sind kaum mehr zu ertragen. Langsam nehmen sie mir die Freude am Busfahren.» «Wir werden beschimpft, bespuckt, getreten oder als Vollidioten hingestellt.»

Unorte entstanden

Ein schier unfassbares Gewaltvideo aus Wien schockiert derzeit das Netz: Es zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die rund um ein junges Mädchen steht. Einer nach dem anderen tritt auf die 15-Jährige zu und schlägt ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Die Niederösterreicherin wurde bei dem brutalen Angriff schwer verletzt. Als eine bayrische Lehrerin morgens zur Arbeit kommt, liest sie am Eingang zur Dorfschule: «Drecksschule! Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen.» Ein Einzelfall sei das nicht – ganz im Gegenteil, kommentiert die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes. Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive, hasserfüllte Sprache.

Die Lehrer haben mit dem Manifest «Haltung zählt» reagiert: «Wir beobachten mit grösster Sorge, wie sich die Stimmung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern.» Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes beginnt die sprachliche Verrohung immer früher. «Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie Hure, Spasti, Asylant.» Die verbale Gewalt eskaliert vor allem in den Sozialen Medien, die sich eher als asozial offenbaren: Unflätigkeiten, Beleidigungen, eine Sprache weit unter der Gürtellinie.

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert. Nicht nur vor Lehrern, Ordnungskräften oder Spitalpersonal, sondern selbst vor der Polizei. In Brüssel detoniert vor einem Revier eine Bombe. In Zürich greifen junge Männer Beamte mit Pflastersteinen und Knallpetarden an; in einen Streifenwagen werfen sie eine brennende Fackel. In Dortmund beobachten Polizisten, wie ein 15-Jähriger einem anderen Jugendlichen eine Waffe an den Kopf hält. Sie überwältigen den Jungen. Noch während sie ihn festnehmen, umzingelt eine Menschenmenge die Beamten und bedroht sie.

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert.

Tom Schreiber, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, kommentiert: «Wenn Mitarbeiter offizieller Stellen bedroht werden, haben wir ein massives Problem. Der Eindruck entsteht, dass die staatlichen Institutionen aufgegeben haben.» Schreiber geht noch weiter: «Raubüberfälle, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche, Morde, Paralleljustiz, die Bedrohung von Zeugen und Opfern, Schutzgelderpressungen, Schiessereien am Ku’damm, sogar die Explosion einer Autobombe am helllichten Tag – die Krake der Organisierten Kriminalität hält Berlin umklammert.» Die gesellschaftliche Ordnung zerbreche. «Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat, in unsere allgemeine Sicherheit und in die Gleichbehandlung aller schwindet. Der Eindruck entsteht, dass die staatlichen Institutionen längst aufgegeben haben.»

Es verändern sich auch die Orte der Gewohnheit: beliebte Plätze, kleine Parks, Schwimmbäder, Strassencafés. Man kann nicht mehr einfach überall hin und vor allem nicht mehr zu jeder Zeit. So beispielsweise der Jungfernstieg als Treffpunkt in Hamburg und als Aushängeschild der Hansestadt. Inzwischen ist es der abendliche Schauplatz von Messerstechereien, Dealern, Trickdieben und anderen Kleinkriminellen und mit «erschrockenen Passanten, welche die Strassenseite wechseln».

Das gilt auch mittlerweile für Bahnhöfe, für viele Ufer von Seen und Flüssen, für traditionelle Erholungsorte. Der frühere Familienausflug ins Fussballstadion ist die längste Zeit ein unbeschwertes Vergnügen gewesen; Rowdies und Vandalen haben es zu ihrer Bühne von Gewalt und Petarden umfunktioniert. Gewisse Stadtviertel sind heute no-go-areas. Die Reaktion ist, dass Bürger sich zunehmend bewaffnen, dass sie ihre Wohnungen und Häuser zu Festungen umbauen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Der kürzlich verstorbene Soziologe Zygmut Bauman hat detailliert aufgezeigt, wie sich das gesellschaftliche Leben verändert, wenn «die Menschen hinter Mauern leben, Wachen engagieren, gepanzerte Autos fahren, Tränengas oder Pistolen mit sich herumtragen und Kampfsport betreiben. Das Problematische an diesen Verhaltensweisen ist, dass sie das Gefühl der Unordnung, das wir mit ihnen bekämpfen wollen, bestätigen und mit erzeugen.»

Transformation des Menschen

Die Ursache dieser Gewalt wird von Sozialwissenschaftlern mit einer Kausalkette von Überforderung, Frustration und Aggression erklärt. Die dramatisch gestiegenen Belastungen im Arbeits- und Alltagsleben führten zu immer mehr Frustrationen, für die in der heutigen Gesellschaft die sinnvollen Bewältigungsstrategien fehlten; so entlüden sie sich schliesslich und zumeist irrational in Aggressionsakten als vermeintlicher Entlastung.

Verstärkt wird diese Entwicklung durch den sukzessiven Zusammenbruch von Verhaltensmustern, die früher das menschliche Zusammenleben strukturiert haben: Respekt, Rücksichtnahme, die Akzeptanz der staatlichen Ordnung, gegenseitige Hilfe, Höflichkeit, Vertrauen, Zivilcourage – alles sogenannte Kardinaltugenden, ohne die gesellschaftliches Leben zerbröselt.

Das ist uns in unserer Erziehung auch so vermittelt worden. Die Sozialwissenschaften nennen das die «primäre Sozialisation». Eine ihrer wichtigsten Lerninhalte ist, dass es ausser uns noch andere Menschen gibt. Wir lernen, dass auch diese anderen Menschen ihre berechtigten Bedürfnisse haben und dass wir diese Bedürfnisse so respektieren müssen wie die anderen Menschen die unsrigen. Geregelt wird dieser Austausch von Normen und Werten, Regeln und Gesetzen.

«Ich sei ein Arschloch und solle endlich losfahren und die verlorene Zeit einholen.»

In seinem soziologischen Klassiker «Die einsame Masse» unterscheidet David Riesman erklärend den traditionsgeleiteten, innengeleiteten und aussengeleiteten Menschen. Die industrielle Gesellschaft – hochdifferenziert – braucht den «innengeleiteten» Menschen, der frühzeitig «einen seelischen Kreiselkompass» in sich aufnimmt, mit dem er – einmal vom Elternhaus in Gang gesetzt – fortan auch Signale von anderen Autoritäten aufnehmen kann. Der innengeleitete Mensch wird in der primären Sozialisation auf Werte, Prinzipien und Ziele festgelegt, die in einem hohen Masse verinnerlicht werden und als lebenslange Verhaltenssteuerung fungieren.

In der zeitgenössischen Konsumgesellschaft ist dieser Typus obsolet; benötigt wird vielmehr der «aussengeleitete Mensch», der jederzeit in der Lage ist, sich an Trends, Moden und an dem, was jeweils «in» ist, zu orientieren. Da dieser moderne Zeitgenosse heute nicht weiss, was morgen «für alle selbstverständlich» ist, muss er dauerhaft fähig sein, «Signale von nahe und fern zu empfangen» und sich auf die häufigen Programmwechsel einzustellen.

Kein Kreiselkompass mehr, sondern «Radaranlage». Mit der Erosion der Innenleitung schwächt sich aber auch der Widerstand gegen falsche Autoritäten; insofern kann der aktuelle Begeisterungsschub für Populisten nicht verwundern. Die Lähmung der einst internalisierten Kontrolle setzt auf der Gegenseite die unkontrollierten Trieb- und Impulskräfte des Menschen gefährlich frei.

Zeitkritische Sozialwissenschaftler wie Richard Sennett haben darauf schon seit Längerem aufmerksam gemacht. Kurz gefasst: Ich-gesteuert statt «innen-geleitet». «Innen-geleitet» hatte immer auch den anderen Menschen mitgedacht, sein Daseinsrecht, seine Bedürfnisse und berechtigten Erwartungen. Ich-gesteuert impliziert Empathieverlust. Am Beispiel: Die Essener Polizei ermittelt gegen vier Personen, die im Vorraum einer Deutsche-Bank-Filiale einen zusammengebrochenen Mann ignorierten; sie gingen nah an dem Hilflosen vorbei oder «stiegen hinüber, um ihre eigenen Finanzgeschäfte durchzuführen», heisst es im Polizeibericht. Erst nach 20 Minuten rief jemand die Rettung. Zu spät: Der 82-Jährige starb im Spital.

Bürde der Verantwortung

Busfahrer Oliver Wyss berichtet, wie an einer Haltestelle eine ältere Frau mit ihrem Rollator wartet. Er steigt aus und hilft ihr. Als sie zwei Stationen später den Bus verlässt, ist der Fahrer erneut zur Stelle. Für den Chauffeur eine Selbstverständlichkeit, für die Buspassagiere offenbar nicht. «Ich sei ein Arschloch und solle endlich losfahren und die verlorene Zeit einholen.»

Diese Veränderung ist nicht einfach vom Himmel gefallen; an ihr ist eine gesellschaftliche Dynamik beteiligt, die soziologisch im Begriff der «Individualisierung» erfasst wird. Damit gemeint ist, dass das Leben von Frauen und Männern aus einst gott- oder gesellschaftsgesetzten Umständen «befreit» ist. Zwänge, wie sie früher bestanden, haben sich aufgelöst und die Menschen in die alleinige Verantwortung für ihr Leben entlassen.

Religiöse Determinanten, Traditionen und Wertvorstellungen sind zusammengebrochen. Das Selbst-Recht dominiert, gilt aber nicht mehr für den Anderen. Je stärker der Individualschub, desto schwächer die gesellschaftlichen Normen. «Ich-gesteuert» ist eigennütziges Kalkül, nicht nur selbstbezogen, sondern selbstherrlich, durchsetzig gegen andere, pur rücksichtslos. Romano Guardini, italienisch-deutscher Theologe und Kulturphilosoph, hat dazu schon vor einigen Jahrzehnten in seiner Tugendlehre notiert: «Echte Höflichkeit ist Ausdruck von Achtung vor der menschlichen Person. Sie macht, dass die vielen, die im engen Raum des Lebens einander beständig begegnen, es tun können, ohne sich wechselseitig zu verletzen.»

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie; Gutachter des Europarates für soziale Fragen(Basler Zeitung)
Erstellt: 18.09.2017, 10:10 Uhr

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Juni 2017

Der Liebesfuzzi

Thomas Meyer empfiehlt: „Trennt Euch!”

Auf dem Cover der neusten Ausgabe des „Migros-Magazins” prangt ein einigermassen dünnes Bürschlein in einem zu engen braunen Cord-Anzug - die eine Hand in der Hosentasche, die andere mit zerbrochenen Rosen bestückt. Soll wohl lässig und lustig rüberkommen, wirkt aber eher aufgesetzt und verklemmt. Dazu der Text: „Beziehungsprobleme: Autor Thomas Meyer rät: Trennt Euch, wenn es nicht mehr rosig läuft”.

Thomas Meyer?? Bei Wikipedia finden sich einige wenige Fakten: Meyer wurde in Zürich geboren, studierte mal kurzzeitig Jura, brach das ab, wurde Werbetexter, brach das ab, wurde Reporter, offenbar auch nicht lange und veröffentlichte 2012 den „Debütroman Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse beim Salis Verlag... Für das Werk hat Thomas Meyer 2013 den Anerkennungspreis des Zolliker Kunstpreises gewonnen“.
Hinzufügen lässt sich noch das nicht ganz unwichtige „Detail”, dass Meyer sich von seiner Lebensgefährtin getrennt hat, als der gemeinsame Sohn gerade mal vier Monate alt war. Nun hat sich Meyer wohl dem Sachbuch zugewandt. Jedenfalls hat er einen Trennungsratgeber veröffentlicht, ebenfalls im Salis-Verlag, und mit der schon erwähnt suggestiven Aufforderung: „Trennt Euch!”. Zur weiteren Erklärung: „Ein Essay über inkompatible Beziehungen und ihr wohlverdientes Ende.”

Prägnant verkürzt lässt sich der Inhalt dieses Buches auf der Homepage von Meyer lesen „Trennt Euch!

  1. Es passt, oder es passt nicht.
  2. Meistens passt es nicht.
  3. Wenn es nicht passt, wird es nie passen.
  4. Wenn es nicht passt, leiden Sie.
  5. Wenn Sie leiden, müssen Sie gehen.
  6. Das Leben ist sehr kurz”.

Zu diesem platten Hedonismus passt denn auch der Titel des Migros-Interviews mit Meyer: „Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen”.

Wenn das Meyers Lebensphilosophie ist, nun denn. Es ist ja seine Lebensphilosophie und die darf, weil es eben bloss die seine ist, so verkürzt und armselig wie dümmlich sein. Problematisch wird es, wenn individualistischer Unfug als allgemein gültiges Rezept unters Volk gebracht werden soll. Da bedarf es dann schon der Korrektur: Es gibt aus der langen Menschheitsgeschichte und aus dem, was in dieser Zeit in Psychologie, Philosophie oder Religionswissenschaft formuliert worden ist, einige unverrückbare Erfahrungsgrundsätze. Zum Beispiel, dass der Mensch mit seinen Schwierigkeiten und Problemen wächst. Und zwar so, dass er sich ihnen stellt statt feige auszubüchsen. Ernest Hemingway ist noch weiter gegangen und hat formuliert: “Die Welt bricht jeden, und viele sind hinterher stark an den gebrochenen Stellen”. Carl Gustav Jung schrieb, dass wir traumatische Erfahrungen erleben, damit wir unsere Seele kennenlernen und unserem Leben einen Sinn geben. Auch hier: nicht Flucht, sondern Aushalten, Lernen, Sich Weiterentwickeln.

Anders Meyer: „Ich realisierte während unserer gemeinsamen Zeit, dass wir zu unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung haben”. Daran liesse sich aber auch konstruktiv arbeiten. Die amerikanischen Paar-Therapeuten Samuel Shem und Janet Surrey haben dazu ein differenziertes Beziehungsmodell entworfen. Im Zentrum ihrer Theorie findet sich die Überzeugung, dass die Verbundenheit mit anderen Menschen der Dreh- und Angelpunkt einer gesunden psychischen Entwicklung ist und nicht die Autonomie des Einzelnen. „Ein selbstgenügsames, unabhängiges, emotional kontrolliertes und klar abgegrenztes Selbst kann sich (...) als das grösste Hindernis für eine reife, gegenseitige Beziehung erweisen”. Stattdessen sollten Frau und Mann versuchen, eine Gegenseitigkeit zu initiieren, die sich als kreativen Prozess versteht. Voraussetzung ist die Offenheit der Partner gegenüber Veränderungen. Dadurch kann etwas qualitativ Neues entstehen, das aus den unterschiedlichen Fähigkeiten und Beiträgen der einzelnen Personen sukzessive erwächst.

Shem und Surrey konzipieren vier Schritte zum Ziel der Verbundenheit:

„Wir haben eine einfache Alternative entdeckt: Um aus einer Sackgasse herauszukommen, muss man gemeinsam Lösungen entwickeln und die Verbundenheit zwischen Frauen und Männern zum vorrangigen Ziel machen. Wenn beide die Erfahrungen des jeweils anderen allmählich erkennen und sich dann bewegen lassen, beginnt die Erweiterung zum wechselseitigen Wir” .

Vielleicht wirken solche Hinweise allmählich. Statistik Basel meldet einen signifikanten Rückgang der Scheidungen für die Stadt, nachdem 2010 ein Rekordjahr gewesen ist. Dieser Trend wird auch schweizweit bestätigt. Sogar in Scheidungshochburgen wie Berlin – so eine Meldung aus dieser Woche - sind Trennungen markant weniger geworden.
Seinem Sohn hat Meyer die Trennung erklärt. Und ganz locker seine Schussfolgerung: „Ich glaube, er wird sehr entspannt mit dem Thema umgehen könne”. Glaubt Meyer. Schön, dass er das glaubt, und noch schöner für ihn, dass ihm dieser Glaube offenbar ein gutes Gewissen macht. Nur – auch hier einmal mehr – gibt es einige wissenschaftliche Fakten. Zum Beispiel, dass Buben aus geschiedenen Beziehungen im Gegensatz zu ihren Altersgefährten aus intakten Familien „mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren aufweisen als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern”. Konkret heisst das: sehr viel häufiger Übergewicht, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Einbussen, soziale Probleme mit Gleichaltrigen und Hyperaktivitätsprobleme. Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben auch später noch ein erhöhtes Depressionsrisiko; die zweithäufigste Todesursache solcher Jungen ist der Suizid.
Auch emanzipierte Mütter können für Buben nach der Scheidung nicht den Erziehungsbeitrag des Vaters kompensieren. „Väter sind unersetzbar bei der Rollenfindung des Jungen”, notiert Matthias Franz, Entwicklungspsychologe und Sozialmediziner. „Nur der Vater kann dem Sohn bei der sexuellen Identifikation den Weg weisen - wenn das die Mütter versuchen, bekommen die Jungen Angst.” Der Vater zeige dem Jungen auch männliche Wege der Lebensbewältigung auf und helfe ihm bei der notwendigen Loslösung von der Mutter.

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet ein Familienmagazin, wie es ja die Migros-Zeitung ist, die unreifen Thesen von Meyer propagiert. Sogar der Chefredaktor empfiehlt das alles noch vehement in seinem Editorial. Nein, es ist eigentlich nicht nur erstaunlich, es ist nachgerade skandalös. Die Familie ist nach wie vor die Grundlage unserer Gesellschaft. In ihr lernen wir jenes soziale Verhalten, das die Gesamtgesellschaft am Leben erhält. Wenn das erodiert, entsteht – wie die Soziologie seit Jahrhunderten lehrt – Anomie. Und Anomie heisst: gesellschaftlicher Zerfall. Vielleicht sollte Herr Schneeberger von der Migros mal wieder Gottfried Keller lesen – und sei es nur das kurze „Fähnlein der sieben Aufrechten”.

In der letzten Zeit sind Gedanken des englischen Psychologen John Bolwby wieder aktuell geworden, der in seiner Bindungstheorie immer wieder das Miteinander der Geschlechter betont hat. Folgt man Bowlby, so sind Zufriedenheit im Leben, Selbstsicherheit, Beziehungsfähigkeit und Selbstvertrauen abhängig von einem zuverlässigen familiären Hintergrund. „Die selbstsicheren Menschen sind in intakten Familien aufgewachsen, mit Eltern, die ihnen offenbar immer die nötige Unterstützung und Ermutigung haben zukommen lassen. Die Familie ist für sie Teil eines stabilen sozialen Netzwerkes”.

Ausgangspunkt von Bowlbys Arbeit ist die Überzeugung, dass die mütterliche Fürsorge, die ein Kind in den ersten Lebensjahren empfängt, für seine spätere psychische Entwicklung und Gesundheit lebenswichtig ist. Erhält ein Kind diese Zuwendung nicht in ausreichendem Maße, ergeben sich Deprivationssymptome.
Solche Überlegungen sind aber wohl zu differenziert für hedonistische Flachdenker. Meyer im O-Ton: „Mein Bedürfnis war ein Leben in Freude und Frieden, und dieses Bedürfnis ist höher zu gewichten als die sogenannt intakte Familie.”
Das wohl einzige, was man Meyer zugute halten kann, ist, dass es noch sehr viel schrägere Vögel gibt als ihn. Etwa den deutsch-amerikanischen Milliadär Nicolas Berggruen. Vor einigen Jahren kaufte er Karstadt, entließ Tausende Mitarbeiter, und verramschte dann den Konzern gewinnbringend. Jetzt hat er sich er zwei Babys gekauft. Leihmütter brachten in Kalifornien seine Kinder Alexander und Olympia zur Welt. Berggruen wörtlich dazu: „Es ist ein Wunder, dass ich jetzt zwei genetische Abbilder von mir habe, ohne dass ich dafür eine Partnerin brauche”. Deren Aufgabe übernähmen bei ihm Kindermädchen und Hauspersonal.

Em. Prof. für Soziologie, studierte auch Psychologie, Philosophie und Pädagogik. Letzte Publikation: Was vom Manne übrig blieb (Verlag Opus Magnum)



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Mai 2017

„Wieviel Mann geht heute eigentlich noch? Die Lage der Männer”

Live-Vortrag, Fragerunde und Signierstunde mit Walter Hollstein

Am 13./14. Mai findet in Berlin zum vierten Mal die Männerkonferenz MANN SEIN statt. Gemeinschaftlich und mit Erlebnisfaktor beleuchtet die Konferenz zwei Tage lang das Thema Männlichkeit im 21. Jahrhundert: Vorträge, Workshops, Diskussion, Austausch und Netzwerken von Teilnehmern und Sprechern aus unterschiedlichen Bereichen.
Seit 2014 bringt die Konferenz verschiedene Strömungen und Betrachtungen zum Thema Mannsein undogmatisch in Austausch.

Eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Gesellschaft ist, dass Männer lernen, mit sich und ihrem Umfeld konstruktiv umzugehen. Im Mittelpunkt der Konferenz steht die Relevanz und Notwendigkeit von Männerarbeit und Weiterbildung für eine friedvolle Gesellschaft sowie ein Geschlechterverhältnis auf Augenhöhe.

Walter Hollstein spricht an beiden Konferenz-Tagen zum Thema:
„Wieviel Mann geht heute eigentlich noch? Die Lage der Männer”, stellt sich Publikumsfragen und signiert Bücher.

Hier gibt es weitere Informationen und Karten: www.mannsein-konferenz.org
Die besonders preisgünstige Frühbucherzeit endet am 15. März 2017 um Mitternacht.

Organisiert wird die Konferenz von der gemmeinnützigen Körperschaft MALEvolution gUG, deren Team komplett ehrenamtlich und ohne Bezahlung arbeitet. Weiter Informationen gibt es hier: www.malevolution.org

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Februar 2017

AUS DEN FUGEN UND WOHIN?

Ulrich Becks letzte Zeitdiagnose

„Die Welt ist aus den Fugen...Ihre äussere Ordnung ist zerbrochen, ihr innerer Zusammenhalt verloren gegangen”. So beginnt Ulrich Beck sein letztes Buch über die „Metamorphose der Welt”. Die Folge sei unser generelles Unverständnis gegenüber der radikal verwandelten Wirklichkeit. „In diesem Buch versuche ich zu verstehen und zu erklären, warum wir die Welt nicht mehr verstehen”. Mit den traditionellen Begriffen der Sozialwissenschaften sei das, was sich derzeit vollzöge, nicht mehr zu fassen: statt Wandel also Metamorphose.

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist tragisch. In ihrem Vorwort schreibt Becks Frau, Elisabeth Beck-Gernsheim- selber eine renommierte Soziologin: „Der 1. Januar 2o15 war ein Wintertag wie aus dem Bilderbuch: blauer Himmel, strahlende Sonne, glitzernder Schnee.” Die Becks entschliessen sich zu einem Spaziergang in Münchens Englischem Garten und diskutieren dabei die Thesen des neuen Buches. „Und dann, plötzlich, das Ende. Herzinfarkt. Ulrich kam nicht mehr nach Hause. Er starb noch im Englischen Garten”. Das unfertige Manuskript wird nun von seiner Frau und etlichen Kollegen „vollendet”.

Ulrich Beck gehört zu den produktivsten deutschen Soziologen. Über den Fachkreis hinaus bekannt wurde er 1986 mit seinem Bestseller „Risikogesellschaft” - in nahezu 4o Sprachen übersetzt. Später folgte „Weltrisikogesellschaft”. In beiden Büchern explizierte Beck, dass unsere Industriegesellschaft zunehmend ungeplante Gefahren produziert, die unsere Lebensweise in Frage stellen; das aktuelle Beispiel war damals Tschernobyl. Beck arbeitete zu jener Zeit als Professor an der Universität München, später an der London School of Economics und in Paris. Er war so auch international der renommierteste deutsche Soziologe.

In der „Metamorphose der Welt” nimmt Beck die wesentlichen Themen aus der „Risikogesellschaft” wieder auf – ein Stück weit wohl auch zu viel. Jede moderne Gesellschaft ist sozialem Wandel unterworfen, konstatiert Beck; aber dieser Wandel vollziehe sich auf einem gesellschaftlichen Boden von Gewissheiten und Traditionen. Das sei vorbei. In unserer Gegenwart ändere sich das menschliche In-der-Welt-Sein grundsätzlich, denn nun werde stetig zur Wirklichkeit, was eben noch als undenkbar galt. Das macht für Beck „Metamorphose” aus.

Wer versuche, mithilfe der in den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehenden Konzepte des Wandels „den allgegenwärtigen Aufregungszustand der Welt auf den Begriff zu bringen”, der versuche, - so Beck in Anspielung auf Niklas Luhmann – „Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten”. Immer wieder dekretiert Beck, dass „die grossen Gesellschaftstheorien eines Foucault, eines Bourdieu, eines Luhmann” unbrauchbar geworden sind, weil sie „den Fokus auf die Reproduktion und eben gerade nicht auf die Transformation oder gar Metamorphose der sozialen und politischen Ordnung” legen. Begründet wird das nicht.

Metamorphose dokumentiert sich konkret im fortschreitenden Klimawandel; zum zweiten in der Auflösung des Nationalstaats und der Globalisierung, zum dritten in der „medizintechnischen Formbarkeit des Fortpflanzungsaktes” und schliesslich in der Auflösung der sozialen Klassen, zum Beispiel durch globale Finanzmarktrisiken. Veränderungspotential sieht Beck in dem, was er „emanzipatorischen Katastrophismus” nennt: „Das Momentum der Metamorphose besteht verblüffenderweise gerade darin, dass der feste Glaube an die Gefährdung der gesamten Natur und der Menschheit durch den Klimawandel eines kosmopolitischen Wende unserer gegenwärtigen Lebensweise herbeiführen und die Welt zum Besseren ändern kann.” Das ist – mit Verlaub – naiv und bewegt sich, wie etliches in diesem Buch, auf der Ebene blosser Behauptung. Sicher enthält dieses nachgelassene Manuskript viele wichtige Gedankenanstösse; aber es bleibt en somme eben unfertig.

Was Beck in seiner Gesellschaftsanalyse nur streift, analysiert der Frankfurter Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft” auf überzeugende Weise. Seine Grundthese ist, dass aus unserer Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, geworden sei. Unter der Oberfläche einer scheinbar stabilen Gesellschaft erodierten seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehren sich Abstürze und Abstiege. Prekarität und Polarisierung seien heute Kennzeichen des sozialen Systems. Nachtwey belegt das mit vielen Daten und seinen eigenen Erfahrungen in der industriellen Arbeitswelt. Historisch macht er die „grosse Transformation des Sozialstaats” an der Agenda 2o1o des damaligen Kanzlers Schröder fest. Im Zuge der regressiven Modernisierung vollziehe sich die „Institutionalisierung von Prekarität”. Jeder müsse den Abstieg fürchten. Die Menschen reagierten mit einem „arbeitswütige Selbstproduktivismus”.

Nachtweys Analyse dürfte zum Wichtigsten der letzten Jahre gehören; sie dokumentiert auch, dass Soziologie durchaus mit dem auskommen kann, was derzeit an Begrifflichkeit zur Verfügung steht.

Walter Hollstein

Ulrich Beck, Die Metamorphose der Welt. Berlin (Suhrkamp) 2017, 267 S.
Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Berlin (Suhrkamp) 2016 264 S.
(Bücherjournal der Neuen Zürcher Zeitung, März 2017)

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April 2016

«Der Untergrund – Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen»

Mein Buch »Der Untergrund - Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen«, das 1969 bei Luchterhand erschienen ist und sich damals zu einem Bestseller mit mehreren Auflagen entwickelte, ist neu und neu bearbeitet bei Coessenza in Italien erschienen.

Aus dem Originalvorwort:
«Pubblicato per la prima volta in lingua italiana nel 1971, Underground. Sociologia della contestazione giovanile, ha fornito le basi teoriche per la comprensione della semiotica della contestazione giovanile, equipaggiando lo scienziato sociale di innovative lenti interpretative circa lo studio delle tendenze politico-ideologiche che hanno interagito dentro e contro la cultura occidentale del secolo scorso. A quarant’anni
dalla sua pubblicazione Underground non ha smesso di dialogare con il presente: Walter Hollstein ha illustrato quanto «l’idea di una razionalità storica totale e una specificità, se non proprio di classe quantomeno di percezione psicologica, hanno favorito un processo di auto-identificazione dei gruppi giovanili e di autonomia del soggetto in uno spazio collettivo, nell’underground metropolitano, nei centri accademici, presentando davanti agli occhi degli osservatori una popolazione fluttuante, un contesto magmatico in cui il territorio giovanile appare, nei flussi comunicativi e
nella miriade di forme aggregative e solidali, apparentemente distinto e correlato, capace di causare un indebolimento dei meccanismi di riproduzione sociale, una scollatura dei rapporti inter-generazionali e depauperamento dei criteri che regolano l’organizzazione della polis. In prevalenza goliardico-controculturale e studentesco, nel movimento degli anni Sessanta è dunque prevalsa la ricerca di una identità giovanile, una identità possibile di movimento perché sradicata da ogni tipo di rapporto di appartenenza, una, perché no, risposta all’atomizzato e anonimizzato ruolo che le spinte della modernizzazione intendevano riservare al nuovo soggetto sociale».
Dalla prefazione di Luca Benvenga


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